Fundstück der Woche: Lichtscheu

Veröffentlicht: 29. Oktober 2016 von guidowein in Fundgrube, Interview
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unspecifiedWir möchten Euch heute gerne die Dark-Metal-Romantic Band Lichtscheu aus dem schönen Flensburg vorstellen. Die vier Musiker Angela Clausen, Freddy Hansen, Timo Juhl und Daniel Reichelt sind seit 2011 die schillernden Figuren der düsteren Kapelle aus dem hohen Norden. Ihr erfolgreiches zweites Album Scherbenwelt steht seit Januar 2016 in den CD Regalen zum Erwerb bereit. Ihre Produktionen werden ausnahmslos in Eigenregie vertrieben. Labellos heute in der Musikbranche unterwegs zu sein, heißt viel Zeit, Herzblut und persönliches Arrangement zu investieren. Nah am Fan, beziehungsweise am Ohr ihrer Hörerschaft zu sein, hat bei den Künstlern daher oberste Priorität. Was uns Angela und Timo alles Spannendes verraten und erzählt haben, erfahrt ihr in unserem kleinen Interview.

Independent Sounds: Wer steckt hinter Lichtscheu?
Lichtscheu Angela:
Da gibt es die offensichtlich beteiligten Musiker: Freddy an den Drums, Daniel an den Tasten, Timo an der Gitarre und unsere Sängerin Angela, also mich. Und es gibt immer Menschen im Background, die uns unterstützen, sei es beim Videodreh, den Tonaufnahmen, dem Merchandise und vielen anderen Dingen. An dieser Stelle bedanken wir uns dafür recht herzlich bei all den Unterstützern und Freunden im Hintergrund.

INS: Wie würdet ihr Eure Musik beschreiben?
Lichtscheu Timo:
Das ist ziemlich schwierig. Melodic Gothic Metal würde am ehesten passen, wenn man uns unbedingt in eine Schublade stecken möchte. Wir haben viele Einflüsse und je nach Stimmung werden die Songs auch unterschiedlich. Mal werden sie wütender, trauriger oder gar ein wenig verträumter. Von daher ist eine Beschreibung wirklich schwierig. Am besten ist, einfach reinzuhören und sich selbst ein Bild zu machen (zwinker)

INS: Was macht Euer Projekt besonders?
Lichtscheu Timo:
Durch die unterschiedlichen Geschmäcker innerhalb der Band haben wir natürlich ziemlich viele Stile, die wir unter einen Hut kriegen möchten. Der Mix aus metallischer, rhythmischer Gitarre und vorwärts treibendem Schlagzeug gepaart mit den gothiclastigeren Keyboards von Daniel und Angelas Gesang macht das alles aus, denke ich. Auch, dass wir nach den knapp 5 Jahren in dieser Besetzung immer noch mit so viel Eifer an neue Songs rangehen und versuchen, weiter zu kommen, macht Lichtscheu aus. Wir haben einfach Spaß an unserer lichtscheuen Musik und neben der Verbindung von rhythmischen Metal und melodischem Gothic ist das wohl ein weiterer Punkt, der unser Projekt so besonders für uns macht.

Lichtscheu Angela:
Es gibt in manchen Songs auch winzige Spuren Mittelaltereinflüsse zu hören. Fremder aus dem aktuellen Album Scherbenwelt wäre so ein Lied. Wenn Menschen sich grundsätzlich auf deutsche Lyrik einlassen können, bekommen wir auch viel Lob für unsere Texte. Neulich schrieb jemand, wir klängen ein wenig wie Subway to Sally mit Frauenstimme. Besonders macht uns vielleicht auch, dass wir nicht, wie einige andere Bands mit Frontfrauen, auf klassischen Soprangesang mit Metalgitarre setzen, sondern eher mit einer Rockstimme am Start sind.

INS: Was und wen wollt Ihr mit Euren Songs erreichen?
Lichtscheu Timo:
Wir haben keine bestimmte Zielgruppe im Kopf und freuen uns über jeden, den unsere Musik erreicht. Egal auf welcher Ebene. Wir überlegen uns vorher nicht, wen wir mit den Liedern erreichen wollen, sondern arbeiten drauf los und haben eine Menge Spaß daran. Und natürlich hoffen wir, dass es denjenigen, die uns hören, genauso geht.

Lichtscheu Angela:
Musikalisch gesehen hat Timo absolut recht: nichts ist da geplant. Bei der Lyrik ist es zwar kein direkter Plan von mir, aber ich möchte definitiv Menschen ansprechen und erreichen, die nicht immer auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Ihnen eine Stütze bieten mit der Botschaft, dass sie in ihrer dunkelsten Stunde nicht allein sind.

INS: Was hat Euch bewogen Musik zu machen?
Lichtscheu Timo:
Das ist eine schwierige Frage. Musik ist ja eher eine Leidenschaft und eine Möglichkeit, um sich auszudrücken oder zu kommunizieren. Und gerade das ist es wohl auch, warum man sich irgendwann mit seinem Instrument hingesetzt und angefangen hat, es zu lernen.

Lichtscheu Angela:
Bei mir war das so: Schon als junges Mädchen habe ich in meinem Zimmer gesungen, um Emotionen zu verarbeiten und rauszulassen, die ich in anderer Form eher stets heruntergeschluckt habe. Ich war (und bin es wohl auch noch) ein “stilles Wasser”, wie es so schön heißt. Musik war für mich schon immer eine Ausdrucksmöglichkeit, die ich mit Leib und Seele geliebt habe. Bevor ich mich das erste Mal traute, öffentlich zu singen, war ich allerdings schon über 20. Im Schulchor habe ich nur geflüstert und fand das alles doof, was da abging. Dann habe ich viele Jahre einfach irgendwas musikalisches gemacht aus Freude am Singen, aber erst mit Lichtscheu gab es genau den Nährboden, den ich brauchte, um meine Vorlieben für die dunkle Seite ausleben und weiter entwickeln zu können. Ich bin jedem dankbar, der mal Teil von Lichtscheu gewesen ist, aber die aktuelle Besetzung ist ein absoluter Glücksfall.

INS: Was macht gute Musik für Euch aus?
Lichtscheu Timo:
Mich muss sie irgendwie ‚berühren‘. Wenn Musik eine Emotion auslösen kann, egal welcher Art (außer Ekel vielleicht ^_^), dann ist es in meinen Augen gute Musik. Gut ist einfach, was gefällt und dabei ist es dann schon fast egal, aus welchem Genre die Musik kommt.

Lichtscheu Angela:
Ich gebe ehrlich zu, dass ich eine Abneigung gegen fröhliche Musik habe, gegen Gassenhauer und Partymusik, Schlager und so weiter. Das können die anderen gerne hören, ich blende das vollkommen aus. Musik gefällt mir dann, wenn sie eine gewisse Ernsthaftigkeit bewahrt, gut umgesetzt ist und mir die Stimmen gefallen. Ich habe ganz große Schwierigkeiten, eine mir eher unsympathische Stimme auszublenden. Dabei weiß ich selbst am besten, dass die Klangfarbe nur schwer zu beeinflussen ist. Techniken kann man lernen, aber gegen den natürlichen Klang der Stimme kannst du nicht allzu viel ausrichten.

INS: Welche Bands beeinflussen Euch? Welche Alben haben Euch geprägt oder begeistert?
Lichtscheu Timo:
Ich bin eher aus dem Metalbereich beeinflusst. Bei mir stehen Amorphis (z.B. Tales from a Thousand Lakes), Meshuggah (Nothing) oder aber auch Fear Factory, Type O Negative, Katatonia, Anathema, Opeth, die alten In Flames o. Soilwork Alben, The Contortionist, Behemoth, Beatles, Alice in Chains, Led Zeppelin, Carbon Based Lifeforms ganz oben auf der Liste. Das sind alles Bands, die ihren Teil dazu beitragen. Es gibt so viel großartige Musik, dass man die Bands kaum wirklich aufzählen kann.

Lichtscheu Angela:
Die älteren, deutschsprachigen Songs von Zeraphine haben mich lange Zeit geprägt und berührt. Auch die älteren Titel der Letzten Instanz gehören dazu. David Bowie als ganze Persönlichkeit inspiriert mich über seinen Tod hinaus und den Song “Spread your wings” von Queen habe ich als junges Mädchen rauf- und runtergeträllert, ebenso wie später “The Number of the beast” von Iron Maidon, um nur einige Einflüsse aufzuzählen.

lichtscheu-bandfoto03INS:
Welche Musik hört Ihr zu Hause, unterwegs oder beim Sport?
Lichtscheu Timo:
Unterwegs höre ich eher weniger Musik. Zu Hause oder bei der Arbeit höre ich neben Metal gerne auch elektronische Musik wie z.B. Downtempo, Ambient oder ähnliches. Es gibt da neben den oben genannten Bands auch einige Soundtracks von Filmen, die einfach nur grandios sind. Beim Sport ist es dann eher der Metal, der einen noch mehr antreibt. Ansonsten ist für mich gut, was gefällt.

Lichtscheu Angela:
Ich bin überhaupt kein Fan davon, Musik so nebenbei zu konsumieren. Nur beim Hausputz läuft Musik nebenbei, dann muss die aber richtig Druck erzeugen, damit ich durchhalte :-D. Ich konzentriere mich jedoch lieber genau darauf, sie wirklich bewusst zu hören. Deshalb sind es seltene Momente, in denen Platz dafür ist. Dauerbrenner in meinem CD-Player: Dreadful Shadows, Diary of dreams, Draconian, Diabulus in musica, Bury me deep (ein Seiten-Projekt von Michelle Darkness) und das Album “Songs for a dying world” von End of green sowie “Gothic tales” von Dryland.

INS: Eine Band durchläuft stets Höhen und Tiefen. Was war der absolute Höhepunkt in der Vergangenheit und was der bitterste Tiefpunkt?
Lichtscheu Angela:
Rückwirkend – damals war mir das nicht so bewusst – war der absolute Höhepunkt für mich zum ersten Mal ein komplettes Album im Studio einzusingen, also der Moment, als “Träum süß” aufgenommen wurde. Auch wenn man aus heutiger Sicht sicher Musik und auch Aufnahme eventuell anders gemacht hätte, es war der Augenblick richtig ins Licht zu treten, der Augenblick der offiziellen Geburt von Lichtscheu. Für mich am niederschmetterndsten war der Moment, als es in 2015 hieß, das Dark Nature Festival in Neumünster würde nicht stattfinden. Warum gerade das? Es wäre das erste Festival gewesen, bei dem wir mit Bands wie Diary of dreams und etlichen anderen Größen die Bühnenbretter hätten teilen können. Die Vorfreude war entsprechend groß und dann ist so eine Absage besonders schmerzhaft. Dafür freue ich mich, dass es nun im Mai 2017 zum “Gothic meets rock” nach Kierspe geht. Ich kann nur sagen, unterstützt die neuen, jungen Festivals neben den großen und etablierten und nutzt den Vorverkauf, denn es gibt viele Kosten, die der Veranstalter tragen muss, um solch ein Event ins Leben zu rufen.

INS: Was ist für die Zukunft geplant? Welche Ziele habt Ihr Euch selbst gesteckt? Was steht als nächstes an? Tour? Studio?
Lichtscheu Angela:
Wir komponieren ab Oktober 2016 neue Songs. Erste Schritte in die Richtung hat es schon gegeben. Aktuell haben wir Aufnahmen für ein neues Video zum Song “Nie geboren” angefertigt und üben derzeit, Spezialeffekte umzusetzen. Timo Schnoor, mit dem wir schon das Video Scherbenwelt gemacht haben, ist dabei wieder unser Mann hinter der Kamera und am Regietisch. Da wir kein Label im Rücken haben, können wir frei handeln und haben noch keine zeitlich abgesteckten Ziele, wann das nächste Album aufgenommen wird. Aber es wird eines geben….

INS: Welche Rolle spielen für Euch Live-Auftritte und was empfindet Ihr dabei?
Lichtscheu Timo:
Auftritte sind so ziemlich die Königsdisziplin und machen uns allen eine Menge Spaß, obwohl die natürlich auch anstrengend, zeit- und kostenaufwendig sein können. Für uns ist jeder Live-Auftritt etwas besonderes. Wir haben für Gigs schon einige Kilometer zurückgelegt und trotz des Stresses ist auch immer eine Menge Spaß dabei. Es ist ein großartiges Gefühl, wenn man sieht, wie die Leute zu der Musik mit- und abgehen, die man in mühevoller Kleinarbeit im heimischen Proberaum kombiniert hat. Für uns sind Auftritte sehr wichtig, da sie ungeschönt die Stimmung wieder geben und man auch so hautnah sehen kann, wie die Songs beim Publikum ankommen.

Lichtscheu Angela:
Ich empfinde Aufregung, Faszination und Demut zugleich und zwar vor, während und nach unseren Konzerten. Ich freue mich über jedes einzelne Gesicht im Publikum, das ich kenne, und über jeden neuen Gast. Neben der kreativen Arbeit an neuen Songs ist das Live-Ereignis für mich das größte Erlebnis im Rahmen der Bandarbeit.

INS: Was fällt Euch als Erstes zu folgenden Begriffen ein?
Musik: Timo=Facetten, Emotionen Angela: Harmonie
Kindheit: Timo=Behütet Angela: schmerzhaftes Chaos
Blockade: Timo=Abwarten, bis sie vorbei ist Angela: Auflösung
Auftritt: Timo=Spaß & Streß Angela: Erwachen
Heimat: Timo=Wo man entspannen kann Angela: Bühnenbretter/Unterm Sternenhimmel bei Nacht

Vielen lieben Dank für das tolle und umfangreiche Interview!

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