Festivalbericht: Autumn Moon 2016 – Von Gauklern, fremden Wesen und Patchouli

Veröffentlicht: 22. Oktober 2016 von guidowein in Allgemein, Konzertreviews
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einfachsoDie Rattenfängerstadt wurde schwarz! Gerüche von geschmorrtem Grillfleisch, Glöckchenklänge, Patchouliwolken und finstere Gestalten wandelten in den Gassen der Stadt. Richtig, es war die Zeit gekommen, in der Kürbisköpfe und vielerlei anderes feines, herbstliches in der Stadt mit viel Liebe in den Stubenfenstern und in verschiedenen Geschäften dekoriert wurde. Somit war dann auch das Wochenende des Autumn Moon Festivals gekommen. Das zweite Mal wurde diese einzigartige Event in der schönen Weser-Stadt Hameln präsentiert. Das Festival sollte dieses Jahr wieder auf mehrere  Locations verteilt werden. Neu hinzugekommen war das Papa Hemingway, das unweit zur Rattenfängerhalle, die Spielstätte der „großen“ Bands, entfernt lag. Mit dem mystischen Markt, im Umfeld der Rattenfängerhalle und der Outdoorbühne, lockte man dann auch einige „normale“ Hamelner an die Weser.

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Xandria

Diesen konnte der Gast eben auch ohne Eintrittskarte genießen. So war es dann, das wieder mehre hundert Anhänger der schwarzen und mittelalterlichen Subkultur aus allen Teilen Deutschlands und sämtlichen europäischen Ländern gen Hamelon pilgerten. Der Herbstmond rief und alle kamen! Zwei Tage Ausnahmezustand sollten mit diversen Workshops, Lesungen, ein Liveartprojekt von Miggl Spyra, Bootstouren mit Musik und fünf Spielstätten für den Festival Besucher voll und reichlich gespickt sein.  Am Start waren über 40 Kapellen, Liedermacher und Einzel-Künstler. Die Rattenfängerhalle wurde gegen 12:00 Uhr zur Bändchenausgabe für das Publikum geöffnet. Allerdings ist uns aufgefallen, dass der Ablauf an der Kasse zwar äußerst zuvorkommend und freundlich vom Festival-Personal abgewickelt wurde, aber auch etwas zäh verlief. Es hatte sich gegen 14:00 Uhr eine beachtliche Zahl Gäste vor den Toren der Halle versammelt, um pünktlich ab 14:45 Uhr mit dem Eröffnungs-Gig von Xandria in der Rattenfängerhalle in das Festival zu starten.

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The Invincible Spirit

Ab 15:00 Uhr fiel auch der Startschuss für die Sumpfblume wo sich The Invicible Spirit die Ehre gaben. Hämmernde Electro-Beats flogen den zahlreich erschienenen Festival-Hungrigen Gästen entgegen. Die Sumpfblume war bei diesen hervorragenden Künstlern aus dem schönen Sauerland, selbst zu der frühen Stunde, sehr gut gefüllt und wir hatten unsere Problem bis vor die Bühne zu kommen. Ein toller Start wie wir fanden.

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Eisfabrik

So ging es nun Schlag auf Schlag bis in die tiefe Nacht mit herausragenden Bands wie Eisfabrik, Florian Grey, Ost+Front und NRT weiter. Die diversen Spielstätten waren bei fast allen Auftritten immer gut gefüllt und so  merkten wir, dass 2016 doch einiges mehr an Publikum an die Weser zum Autumn Moon Festival gefunden haben, als im Jahr zuvor. Besonders großen Zuspruch und damit Garantie für eine volle Rattenfängerhalle fanden die Kapelle DAS ICH. Die sympathischen Gothic Dinos starten ihr Bühnenprogramm mit „Kannibale“. Die Meute flippte aus und somit stand einer Riesen Party von 1 Stunde und 15 Minuten nichts mehr im Wege. Die Leidenschaft zur Musik war absolut spürbar und so bebte die Stage zu den forschen und fetten Beats. Ein ebenfalls würdiger Headliner dieses ersten Festivaltages war im Anschluß Moonspell.

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Moonspell

Die Gothic-Altmeister übernahmen die gut gefüllte Halle gegen 23:00 Uhr und entließ die aufgeputschte Menge gegen 00:00 Uhr in eine kühle Herbstnacht. Erwähnenswert wäre außerdem die brillanten Auftritte von TÜSN aus Berlin, die das Auditorium regelrecht an den Emotionszöpfen packten und die Future Pop Formation aus Düsseldorf, Noyce TM. Die innovative Band, aus der Heimat des Altbieres, hatte fünf brandneue Songs aus ihrer im Frühjahr 2017 erscheinenden, neuen CD Love Ends mit im Gepäck. So boten beide Bands den Zuschauern einen kurzweiligen Aufenthalt in der Sumpfblume. Gegen 2:00 Uhr  gab es noch eine würdige Aftershowparty in der kuscheligen Location. Wer wollte und noch nicht erschöpft war von den vielen Eindrücken konnte so den ersten Festivaltag gebührend ausklingen zu lassen.

 

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Torul

Der zweite Tag startete gegen 13:30 Uhr mit Heimataerde in der Rattenfängerhalle und in der Sumpfblume um 13:45 Uhr mit der slovenischen Formation Torul. Gepflegter Synth Pop und eine sehr gut gefüllte Location ließ erahnen, dass es auch dieser zweite Tag wieder in sich haben würde. Sahra Lesch, Carbaret Bizarre, Christian von Aster und Essence of Mind, um nur einige zu nennen, hatten die Ehre vor vollem „Schiff“ auf der Holzminden ihre wundervolle Kunst darzubieten. Von Lesungen bis zur Liedermacherin wurde im „Hafenbecken“ dem Publikum einiges geboten. Zufriedene und lächelnde Festivalbesucher wohin das Auge blickte. Die Bodenbeschaffenheit auf dem Schiff war besser als im letzten Jahr. Es lag zwar noch Teppich, aber es wurde wohl mehr darauf geachtet, dass es keine Stolperfallen mehr gab. So war es für uns dann auch mal die Zeit gekommen das Papa Hemingway aufzusuchen. Wir wollten uns Spielbann ansehen mit denen wir vor kurzem noch ein Interview im Rahmen des Festivals durchführten. Was wir dann aber erleben mussten, machte uns traurig und die Enttäuschung war groß. Am Papa Hemmingway angekommen, mussten wir feststellen das die „Location“ nicht größer als ein Wohnzimmer war. Hier sollten 250 Leute hinein passen?! Im Leben nicht, höchstens gestapelt. Vor dem „Wohnzimmer“ standen unzählige Menschen, wir eingeschlossen, die noch gerne hinein gekommen wären. Wir gingen enttäuscht zurück zur Rattenfängerhalle zurück und mussten dabei feststellen, dass noch einige auf dem Weg zu Spielbann ins Hemmingway waren.

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No More

So eine bekannte Band wie Spielbann in so eine Location zu „verbannen“ , ist mit Verlaub, vom Veranstalter mehr als ungünstig gewählt! Dasselbe Spiel ereilte uns mit No More und Namnabulu. Unverständnis gab es daher bei vielen Gästen mit denen wir sprachen. Für Lesungen und Liedermacher sicherlich hervorragend geeignet, nur für Bands mit einem gewissen Bekanntheitsgrad nicht wirklich zu empfehlen.
Hinzu kam, das der Sound auch nur im vorderen Teil gut war. Jeder Gast der hinter der „Brüstung“ stand, war sehr unzufrieden mit dem Ton. Wir nahmen daher lieber Crematory, End of Green und die überragenden Welle:Erdball in Augenschein. Überzeugende Auftritte, die den Gästen mehr als gefiel und so feierten sie ihre ambitionierten Bands, die professionell großartige Shows absolvierten. Man merkte, dass die Musiker zu 100% hinter ihrer Musik stehen.

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Zombie Boy

Nach all diesen unglaublichen Eindrücken, sollte nun dem Ganzen mit dem Headliner Zombie Boy aus Kanada in der Rattenfängerhalle, die Krone aufgesetzt werden. Was wurde vorher in den sozialen Medien und auch an anderen Stellen  über diesen „unbekannten“ Headliner diskutiert. Bekannt war das Tattoo Model aus diversen Video Gastauftritten wie z.b bei Lady Gaga und bei GNTM. Nun aber sollte es eine grandiose Weltpremiere von Zombie Boy geben. Es hieß  vom Veranstalter:“Zusammen mit dem ehemaligen Gitarristen von Rob Zombie, Mike Riggs, zeigt der ganz-Körper-tätowierte Rico sein wahre Passion und präsentiert sich auf dem Autumn Moon als das, was er eigentlich schon immer war: ein Musiker mit Herz und Seele“. Wir waren gespannt! So kam es, dass um 23:30 Uhr die Lautsprecher das drohende Unheil ankündigten. Zombie Boy enterten die Stage und legten los. Druckvolles Schlagwerk und guter Gitarrensound flogen uns und den zahlreichen Anwesenden um die Ohren. Da versuchte Rick seiner „Passion“ nachzukommen und grunzte irgendwelche Laute ins Micro. Nicht nur wir waren  sprachlos. Was bitte war das denn ?? Das dachten wohl auch viele andere Gäste und verließen fluchtartig die bis dato gut gefüllte Rattenfängerhalle. Statt ein Band mit dem Publikum aufzubauen, gröhlte Rick einfach weiter in das arme Micro und Rob meinte lapidar zu den noch ca. 50 Anwesenden:“ Auch wenn die Deutschen unsere Kunst nicht anerkennen. Fuck, wir machen weiter“!. So wird das sicherlich was mit der Fanbase.

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Zombie Boy

Fotografisch waren die Herren allerdings brillant. Auch wir machten uns jetzt auf den Weg die tolle Location zu verlassen. Denn was uns und den Besuchern da geboten wurde war einfach nur lächerlich und enttäuschend. Auch wenn der Veranstalter immer wieder betonte, dass es ja genug Alternativen zum Headliner in der Rattenfängerhalle gibt, darf doch zu guter letzt, sprich zum Abschluss eines Festivals auf der Mainstage etwas anderes geboten werden als diese unglaubliche Nummer namens „Zombie Boy“. So eine Darbietung ist für jeden „echten“ Musiker ein Schlag ins Gesicht, dem der Weg auf Mainstage verwährt blieb. Das Konzept des Autumn Moon ist wahrlich beispielhaft in der Subkultur Szene, die immer wieder auch kleinen und unbekannten Bands eine Möglichkeit zum Spielen auf einem tollen Festival geben. Aber es kann nicht sein, dass ein daher gelaufener Künstler mit viel Geld im Background kommt und meint er könnte auf einem Festival mal eben den „King“ spielen.
Sicherlich wird diese Erfahrung eine sehr wichtige für die Veranstalter des Autumn Moons sein und es werden auch sicherlich und hoffentlich Lehren daraus gezogen werden, sodass wir in den nächsten Jahren von solchen Experimenten verschont bleiben.

einfachso2Zum Schluss müssen wir noch betonen, dass der Sound und das Bühnenlicht unglaublich gut war. Ein Sound, der bei allen Spielstätten , ausgenommen vom Papa Hemingway, durch Mark und Beine ging, druckvoll rüberkam ohne die Ohren übermäßig zu strapazieren. Auch zu erwähnen war diese unglaubliche Liebe zum Detail was die Dekoration der unterschiedlichsten Location angeht. Ganz hervorragend und ein dickes Kompliment dafür an alle Beteiligten. Wir trafen durchweg immer ein gut gelauntes und sehr freundliches Festival Team an.einfachso1
Auch die teils kochende, mitreißende und feiernde  Zuschauermenge tat dazu ihr übriges. Ein rundum gelungenes Festival, das nicht nur uns lange in Erinnerung bleiben wird. Wir können uns nur bei dem Veranstalter Panem et Circenses für das Engagement bedanken in unserem beschaulichen Städtchen Hameln ein solch unglaublich vielseitiges Festival auf die Beine gestellt zu haben. Wir hoffen, dass sich dieses tolle Festival fest im alljährlichen Festival-Kalender verankert und können es kaum erwarten wenn es auch nächstes Jahr wieder heißt: Manege frei und Herzlich Willkommen in der Rattenfängerstadt Hameln für die Künstlerinnen und Künstler des Autum Moon Festivals 2017!

Tickets für 2017 sind bald Online hier zu beziehen!

Text: G.W.
Fotos: STS
Sämtliche Galerien folgen auf IndependentSoundsFotos

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